Verzeichnis der Neubekehrten im Waldviertel 1652-1654
Georg Kuhr und Gerhard Bauer
Gegen Ende des Jahres 1654 wurde Kaiser Ferdinand III. eine umfangreiche handschriftliche
"Nomenclatur" vorgelegt, die 22224 "Neubekehrte" in den 140 Pfarreien und 58 Filialen
des niederösterreichischen Waldviertels verzeichnet. Dieser 654 Seiten umfassende,
sorgfältig geschriebene Codex, hcute in der Österreichischen Nationalbibliothek,
war bisher nur teilweise publiziert. Jetzt liegt er - basierend auf den ausführlichen
Vorarbeiten von Pfarrer Georg Kuhr - in einer vollständigen Edition vor. Diese besteht
aus fünf unterschiedlich ausführlichen Teilen:
Zunächst ist es der Gesellschaft für Familienforschung in Franken (GFF) gelungen,
mit Gustav Reingrabner einen vorzüglichen Kenner der niederösterreichischen
Reformations- und Konfessionsgeschichte zu gewinnen, der vorwiegend aufgrund
seiner eigenen Studien einen Überblick über die kirchlichen Zustände im Erzherzogtum
Osterreich unter der Enns von der Regierung Rudolfs II. 1576 bis zum Jahr 1660,
den Anfängen Leopolds I., vermittelt und somit das sogenannte Verzeichnis in seinen
historischen Zusammenhang einordnet (S. 1 - 64).
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Nach einem Generalmandat im Januar 1652 wurde für das sogenannte "Reformationswerk"
in jedem Landesviertel eine Kommission gebildet, um die evangelischen Personen zu
bekehren oder deren Emigration zu veranlassen. Im Viertel "Ober Manhardtsberg" wurden
Benedikt Leiß, der Abt des Stiftes Altenburg, und der Regimentsrat Joachim Freiherr
von Windhaag mit der Leitung beauftragt. Im Verlauf der vielfach von Kapuzinern
durchgeführten Visitation registrierte man die Namen aller
Bekehrungswilligen und faßte sie schließlich in der vorliegenden "Nomenclatur"
zusammen. Somit markiert diese einen gewissen Abschluß der Rekatholisierung
im Waldviertel.
Gerhard Bauer ist es zu danken, daß er die Abschrift Kuhrs, zu der bereits eine
Kartei bei der GFF zugänglich war, in Wien nochmals kollationiert und für die
Edition technisch aufbereitet hat. Während die Personen- und Ortsnamen, nach
Darlegung der editorischen Grundsätze (S. 65 - 67), orthographisch genau
übernommen sind, wurden die sonstigen Angaben stark vereinheitlicht und
sind dadurch übersichtlich zu lesen.
Im Zentrum steht der vollständige Text des Codex Vindobonensis 7757 mit
Angabe der originalen Paginierung und der von Kuhr eingeführten, in der
Literatur bereits etablierten Zeilennumerierung (S. 69 - 427). Gegliedert
nach den einzelnen Pfarreien bzw. Filialen folgen jeweils der Name des Pfarrers,
die Bezeichnung der Vogtei bzw. Obrigkeit, die Namen der eingesetzten "Informatores",
welche die Visitation durchführten, und hauptsächlich die Namen von mehr als 22000
Bewohnern des Waldviertels. In Einzelfällen lautete das amtliche Ergebnis
"In dißer Pfaar hat sieh khain ainige uncathollisehe prsonn befunden" (S. 327),
während in anderen bis zu 1412 Bewohner bekehrt wurden. Am Ende steht eine
Summierung der Zahlen aus den einzelnen Pfarreien, und einige besonders prominente
"Neubekehrte" wie Graf Johann Joachim von Sintzendorff, Freiherr Adam Maximilian von
Trautmannsdorff und Freiherr Otto Heinrich von Dietrichstein sind eigens hervorgehoben.
Die Einzeleintragungen enthalten meist allein die Namen. Verwandtschaftsbeziehungen
werden etwa durch die regelmäßige Nennung von Ehefrau bzw. Familienstand angezeigt,
und nur bei Kindern, die noch im Haushalt der Eltern lebten, findet sich manchmal
ihr Alter. In den meisten Fällen fehlen leider irgendwelche weitergehenden Angaben
über Beruf oder soziale Stellung. Einige wenige Unstimmigkeiten der Handschrift,
z. B. Doppeleintragungen, werden durch die Herausgeber entsprechend vermerkt.
Eine statistische Untersuchung zur Häufigkeit
bestimmter Vornamen - im Vergleich zwischen Franken und Waldviertel -
deutet erste Auswertmöglichkeiten für das umfangreiche Material an (S. 429 - 436).
Alle in der "Nomenclatur" genannten Personen sind in einer entsprechend den
Nachnamen alphabetisch geordneten Liste erfaßt (S. 437 - 638). Um über die
wenigen, in der Handschrift selbst enthaltenen biographischen Angaben hinauszugelangen,
sind zwar ergänzende Forschungen notwendig, für die weiterhin u. a. die Sammlungen
der GFF zu Rate zu ziehen sind. Insgesamt stellt der vorliegende Band für die
Genealogie ebenso wie für die Demographie sowie die Konfessions- und
Exulanten-Forschung reichhaltiges Material zur Verfügung.
Die Auftraggeber der sorgfältig ausgestatteten Handschrift beabsichtigten,
den Erfolg der von Ferdinand III. angeordneten Rekatholisierung zu dokumentieren.
Allerdings zeigt die beeindruckende Namensliste zugleich recht deutlich,
wie weit die reformatorische Bewegung zuvor auch in die habsburgischen
Erblande vorgedrungen war. Darüberhinaus ergibt sich nach den Forschungen u. a.
von Kuhr sowie von Eberhard Krauß, daß einige angeblich "Neubekehrte" wegen ihres
Glaubens letztlich doch noch aus dem Waldviertel auswanderten, nicht wenige nach
Franken. Zu diesen gehören beispielsweise die Vorfahren des Johann Christoph
Gatterer, seit 1759 Professor der Geschichte in Göttingen.
Bernhard Ebneth
Erschienen in den Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 81/1994
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Exulanten aus dem westlichen Waldviertel in Franken
Eberhard Krauß
Die Exulantenforschung war schon immer
ein Hauptanliegen der Gesellschaft für Familienforschung in Franken.
Nach Vorlage des noch von dem hochverdienten Pfarrer Georg Kuhr
bearbeiteten "Verzeichnisses der Neubekehrten im
Waldviertel 1652-1654" 1992, das Gerhard Bauer aus dem Nachlaß
herausgegeben, legt die Gesellschaft nun erneut zwei
wichtige Quellenarbeiten vor.
Eberhard Krauß, seit langem l. Vorsitzender der Gesellschaft
für Familienforschung in Franken und wohl der derzeit beste
Kenner des Forschungsfeldes Exulanten, hat die Spuren der
Glaubensflüchtlinge aus dem westlichen Waldviertel in Franken
nachverfolgt. In einer durch ein eigenes Register erschlossenen
Einleitung stellt er Ablauf und Folgen der auf Grund Generalmandats
vom 14. Sept. 1627 erfolgten Rekatholisierung des Waldviertels und
die daraufhin erfolgte Auswanderung der Protestanten vor. Intensiv
widmet er sich dem "Einwanderungsland" Franken, das durch den
Dreißigjährigen Krieg ausgeblutet war und durch die Exulanten gewann.
Den Hauptteil des Bandes aber machen 3376 in alphabetischer Reihung
aufgeführte Exulantenfamilien aus, womit für Familien- und
Heimatforschung ein reicher Schatz bereitgestellt ist.
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Exulanten im Evang.-Luth. Dekanat Feuchtwangen
Friedrich Krauß
Friedrich Krauß, mit dem obgenannten Eberhard Krauß,
der als Einführung eine höchst solide Darstellung der Lage im
Untersuchungsgebiet im Dreißigjährigen Krieg sowie der Folgen
der Exulantenzuwanderung geschrieben hat, übrigens nicht verwandt,
widmet sich den Exulanten im Dekanat Feuchtwangen, wobei er 1412 Familien
namhaft machen kann. (Hunderte weiterer Familien wurden als "unsichere
Kantonisten", d. h. hier als nicht eindeutig identifizierbare Exulanten,
aus der Liste herausgenommen und in einem eigenen Band zusammengefaßt.
Auch für diese Arbeit gilt das oben gefällte Urteil.
Insgesamt ist der Gesellschaft für Familienforschung
für die vorgelegten Arbeiten, die durch einschlägige
Aufsätze in den Blättern ergänzt werden, herzlich zu gratulieren,
wird doch auch die Tradition der Vorlage höchst
solider Quellenarbeiten fortgesetzt.
Archivdirektor Dr. Gerhard Rechter, Leiter des Staatsarchivs Nürnberg
Erschienen im 98. Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelfranken
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